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Bei VW gibt es viele Probleme, über die nicht geredet wird

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Interview mit Andrzej und Sebastian, zwei der Initiatoren der betriebsübergreifenden Kommission der Inicjatywa Pracownicza bei VW in Poznań


Frage: Woher kam die Unzufriedenheit bei VW und die Idee, eine andere Gewerkschaft als die Solidarność zu gründen?

Andrzej: Die Probleme haben sich seit vielen Jahren angestaut. Wir hatten das Gefühl, dass die Solidarność nichts tut. Jedenfalls nicht so viel, wie die Arbeiter erwarteten. Wofür sie kämpfen wollen, was sie mit der Geschäftsführung vereinbaren wollen: das haben sie nie mit der Belegschaft besprochen. Sie haben immer nur gesagt, die Arbeiter würden schon zufrieden sein. An meiner Linie haben zwei Delegierte der Solidarność gearbeitet. Wenn ich sie gefragt habe, was es Neues aus der Gewerkschaft gibt, konnten sie nie irgendwas sagen. sie hatten nie irgendeine Ahnung. Anscheinend wurde von „oben“ der Informationsfluss nach „unten“ verhindert. Die „unten“ wollten sich ja eigentlich nützlich machen. Wir haben gesagt, wenn ihr irgendwelche Probleme habt, dann machen wir einen Protest usw.

Sebastian: Aber meistens gab es auf solche Vorschläge keine Reaktion.

Andrzej: Was das Fass schließlich zum Überlaufen brachte, war, dass die Solidarność die Einführung der 17. Schicht nicht verhinderte. Sie haben überhaupt nicht mit der Belegschaft über das Thema gesprochen. Schließlich habe ich auf Facebook geschrieben, dass das alles zu Lasten der Arbeiter geht. Wir müssen drei Schichten malochen, wir müssen am Samstag zur Arbeit gehen, statt Zeit für unsere Familien, Freunde und Interessen zu haben. Und dann hieß es im Juli auch noch, dass wir am langen Wochenende im August zur Arbeit kommen sollen [Dienstag der 15. August war in Polen in diesem Jahr ein Feiertag; am Montag, dem 14., blieben Schulen und Ämter und auch viele private Betriebe geschlossen; Anm. d. Ü.]. Ich habe geschrieben: Es kann doch nicht sein, dass wir ein halbes Jahr lang davon ausgehen, dass wir frei haben, und uns dann plötzlich gesagt wird, dass wir arbeiten müssen. Die direkten Vorgesetzten sind bei den Arbeitern herumgegangen, besonders bei denen mit befristeten Verträgen, und haben ihnen gesagt, sie müssten an diesem langen Wochenende kommen, sie sollten dran denken, dass ihre Verträge bald auslaufen. Das heißt, sie haben versucht, sie zu erpressen. Das hat mich wütend gemacht. Ständig wird uns erzählt, dass die Firma sich um die Arbeiter kümmert, und plötzlich stellt sich raus, dass wir an freien Tagen zur Arbeit kommen müssen, weil die Ziele von VW wichtiger sind als wir.

Frage: Du hast also eine verhaltensbedingte Kündigung bekommen für einen Facebook-Post zur Einführung der 17. Schicht und zum Arbeitszwang am langen August-Wochenende. Auf Facebook kamen auch Beiträge zum Thema Gründung einer neuen Gewerkschaft. Deswegen sagt die IP ja, dass der Grund für die Entlassung der drei Leute durch VW nicht irgendein angeblicher Angriff auf die Firma war, sondern eben die Absicht, eine neue Organisation zu gründen.

Andrzej: Nur damit das klar ist: Ich habe nicht geschrieben, dass VW schlechte Autos baut. Ich bin überzeugt, dass VW gute Autos produziert. Eigentlich habe ich mich auch gar nicht auf die Firma und die Geschäftsführung bezogen, sondern vielmehr auf die Solidarność: darauf, dass sie nichts tut.

Sebastian: Ich habe einen Kommentar auf dem privaten Konto von Andrzej geschrieben, dass viele Leute an dem langen August-Wochenende vielleicht gar nicht zur Arbeit kommen. Dass die Herrschaften herumsitzen und wir arbeiten. Da ich einen befristeten Vertrag hatte, haben sie mir „normal“ gekündigt. Sie haben gesagt, sie müssten mir keinen Kündigungsgrund nennen. Letztlich kann ich nicht sagen, was der offizielle Grund für meinen Rausschmiss war.

Frage: Wie verlief die Gründungsversammlung der IP?

Andrzej: Die Gründungsversammlung war am 6. August, am Sonntag. Wir haben auf Facebook dazu aufgerufen. Die Leute wussten schon, dass mehrere Leute wegen Kritik an der Solidarność entlassen worden waren, und waren sauer. Deshalb kamen über 120 Leute. Viele Arbeiter wollten kommen, konnten aber aus unterschiedlichen Gründen nicht. Von vielen von denen habe ich SMSe bekommen.

Sebastian: Das ist jetzt vier Wochen her. Inzwischen hat die Gewerkschaft schon über 300 Mitglieder, und es kommen ständig noch neue Beitrittserklärungen rein. Wir haben Leute aus allen Werken, d.h. aus Antoninek [Stadtteil von Poznań], Swarzędz und Września, außer der Gießerei. Im Moment sind die meisten aus Antoninek. In Września gibt es etwas andere Probleme. Da arbeiten sie in zwei Schichten von Montag bis Freitag. Aber perspektivisch sollen sie dort auch drei Schichten im 17-Schicht-System arbeiten. Soweit ich das beobachte, gibt es in Września großes Interesse an der IP. Und natürlich treten auch Leiharbeiter ein.

Frage: Welche Aktionen habt ihr seid der Gründung der IP unternommen?

Sebastian: Seit der Gründung haben wir regelmäßig Flugblätter vor den Werken verteilt und Beitrittsformulare ausgegeben. Jetzt sammeln unsere Kollegen auch Unterschriften für die Petition an VW für unsere Wiedereinstellung. Wir haben eine ganze Reihe von Briefen an die Geschäftsführung geschrieben. Es gab ein Treffen mit der Geschäftsführung.

Frage: Es gibt eine lebhafte Diskussion, und es gab ein Treffen von Leuten aus der Belegschaft, um die Forderungen zu diskutieren. Zu dem Treffen kamen mehrere Dutzend Leute. Welche der dort besprochenen Probleme haltet ihr für die wichtigsten? Was sind die Forderungen?

Andrzej: Zentral ist die Rücknahme der 17. Schicht, auch wenn uns erzählt wird, dass das wegen der vielen Aufträge unrealistisch sei. Aber wenn es die 17. Schicht eingeführt würde, müsste es eine Regelung mit einem finanziellen Ausgleich für den Verlust des Samstags geben, und zwar einem deutlich besseren als aktuell. Es dürfte auch keinen Zwang geben. Der zweite Punkt sind natürlich Lohnerhöhungen. Zum Beispiel lag der Durchschnittslohn in der Slowakei schon vor den neulich erkämpften Lohnerhöhungen bei 1.800 Euro. Bei uns in der Produktion verdient man im Schnitt 1.000 Euro. Wir haben noch keine genauen Daten, aber wir glauben, dass die Löhne bei VW in Polen deutlich niedriger sind als in der Slowakei, besonders nach den gerade erwähnten Lohnerhöhungen dort (knapp 14% mehr im Lauf der nächsten anderthalb Jahre).

Sebastian: Unser Meinung nach wächst VW weiter. Die ganze Entwicklung geht nach oben, und es gibt immer mehr Aufträge, wie sich unter anderem an der Einführung der 17. Schicht zeigt. Dafür können die Arbeiter wohl zu Recht höhere Löhne erwarten.

Andrzej: Einige bekommen individuelle Lohnerhöhungen, aber das sind sehr wenige. Wir bekommen auch einen jährlichen sogenannten Inflationsausgleich. Zuletzt waren das 100 Zloty [ca. 23 Euro, Anm. d. Ü.] mehr. Aber gleichzeitig werden an uns bezüglich Arbeitszeit und Verfügbarkeit immer höhere Anforderungen gestellt und steigen die Normen. Das Problem betrifft hauptsächlich die jungen Arbeiter, die niedrige Einstiegslöhne bekommen und sich fragen, wie lange sie darauf warten sollen, dass sie so viel verdienen wie die „Alten“. Im Moment sieht es so aus, als müssten sie sehr lange darauf warten.

Sebastian: Ich arbeite erst seit relativ kurzer Zeit bei VW. Am Anfang habe ich den Grundlohn von 2.800 Zloty [ca. 655 Euro, Anm. d. Ü.] brutto verdient, nach mehreren garantierten Lohnerhöhungen komme ich jetzt nach drei Jahren auf 3.800 Zloty [ca. 888 Euro, Anm. d. Ü.] brutto. Dazu kamen unterschiedliche Zuschläge und Prämien (z.B. für die Nachtschicht oder dafür, dass ich nicht krank war) von vielleicht noch mal 400-500 Zloty [ca. 94-117 Euro, Anm. d. Ü.]. Außerdem gibt es noch eine vierteljährliche sogenannte Qualitätsprämie, aber die wird nicht immer gezahlt und ist auch nicht besonders hoch. Die Situation der jungen Arbeiter ist auch schwierig, weil der Druck so groß ist. Oft werden sie ins kalte Wasser geworfen. Sie haben keine Erfahrung und die Zeit läuft. Nicht immer halten sie diesen Druck aus und hören dann auf. Einer meiner Kollegen hatte ein halbes Jahr lang eine Magenschleimhautentzündung. Es ist auch die Rede von Mobbing gegen die „Jungen“.

Frage: Wie hoch ist der Anteil der Leiharbeiter an der VW-Belegschaft?

Andrzej: Wir schätzen, dass von ca. 10.000 Beschäftigten in allen VW-Werken etwa ein Drittel Leiharbeiter sind.

Sebastian: Bisher haben die Leiharbeiter drei Jahre gearbeitet, bevor sie von VW übernommen werden konnten. Seit diesem Jahr haben sie das auf anderthalb Jahre geändert. Vorher haben sie uns von einer Leiharbeitsfirma zur nächsten weitergeschoben und damit die gesetzlichen Beschränkungen der Leiharbeit unterlaufen. So war das auch in meinem Fall. Als fast anderthalb Jahre vorbei waren, musste ich meinen ganzen Resturlaub nehmen (den ich vorher ansparen musste), und dann fing ich bei VW an, aber über eine andere Leiharbeitsfirma. Obwohl Leiharbeiter theoretisch nicht weniger verdienen dürfen, werden die Vorschriften auch hier unterlaufen. Sie machen Arbeiten, die nach einer höheren Lohngruppe bezahlt werden müssten, bekommen aber nur den Lohn nach der niedrigeren Lohngruppe, für die sie offiziell eingestellt worden sind.

Frage: Seht ihr außer den „Jungen“ und den Leiharbeitern noch andere Gruppen, die besondere Unterstützung durch die Gewerkschaft brauchen?

Andrzej: Arbeiter über 50. Einige können aus gesundheitlichen Gründen und nach Verletzungen nicht mehr Schritt halten. Davon gibt es etliche. Gleichzeitig werden die Normen erhöht und die Arbeitszeiten verlängert, wenigstens vorübergehend. Theoretisch gibt es für solche Leute Schonarbeitsplätze, aber davon gibt es zu wenige und oft kriegt man sie auch nur über Beziehungen. Also kriegen nicht immer die Leute sie, die sie eigentlich bräuchten.

Sebastian: Es gibt auch Probleme mit der Arbeitssicherheit.

Andrzej: Für uns ist klar, dass es etliche Probleme bei VW gibt, während die VW-Geschäftsführung und die Solidarnosc die Situation viel zu rosig darstellen, so als wären alle zufrieden. Eine ganze Reihe von Sachen wird bagatellisiert. Jetzt sind die Deutschen angeblich überrascht, dass die Arbeiter in Polen langsam wütend werden, dass es ihnen nicht passt.

Frage: Es soll Lohnverhandlungen zwischen der VW-Geschäftsführung und der IP geben ...

Andrzej: Lohnverhandlungen sind das Thema Nummer eins. An nächster Stelle die Behandlung von einzelnen Arbeitern. Wir werden nicht gleich behandelt. Drittens sollten die Teamleiter von den Arbeitern gewählt werden, statt vom Management vorgegeben zu werden. Das sind einige der Themen, über die wir reden wollen.

Frage: Seht ihr die Möglichkeit, eine Tarifauseinandersetzung zu beginnen und zu streiken?

Andrzej und Sebastian: Natürlich ist das möglich.

Frage: Wie stellt ihr euch die Aktivitäten der IP bei VW vor? Worin werden sich eure Aktivitäten von den Aktivitäten der bisherigen Gewerkschaft unterscheiden?

Sebastian: Wir wollen in der Halle sichtbar sein, denn das meiste hängt von den Produktionsarbeitern ab.

 

Andrzej: Wir wollen nicht so agieren wie die Solidarność. Wir wollen auch keine vom Arbeitgeber bezahlten Büros und Stellen.

 

Frage: Die VW-Arbeiter in der Slowakei haben Lohnerhöhungen erkämpft. Jetzt hören wir vom Streik in Portugal. Wie wird das von der VW-Belegschaft in Poznań, Swarzędz und Września kommentiert? Was denkt ihr zu diesem Thema?

Andrzej: Der Protest der Arbeiter in der Slowakei war ein direkter Auslöser für unsere Entscheidung, eine neue Gewerkschaft zu gründen. Die Arbeiter in Portugal wiederum sind gegen die Einführung der 16. und 17. Schicht, das heißt gegen die Samstagsarbeit. Sie wollen frei haben. Ihnen geht es um das Wochenende und die Familie. Die Ereignisse in der Slowakei und in Portugal werden in der VW-Belegschaft sehr intensiv diskutiert. Die Slowaken haben sich angeblich gewundert, warum sich die Solidarność nicht ihrem Protest anschließen wollte. Im Betrieb heißt es, die Gewerkschaften in der Slowakei hätten sogar einen Brief an die Solidarność geschickt und die Solidarność hätte zurückgeschrieben, dass es in Polen nicht schlecht sei, dass sie hier mit der Geschäftsführung reden würden usw. Die IP wiederum hat vor ein paar Tagen einen Brief von VW-Arbeitern in Spanien von der (mit der IP befreundeten) Gewerkschaft GCT bekommen. Und wir haben Kontakt mit Leuten aus der Slowakei aufgenommen

Frage: Sehr ihr die Möglichkeit, diese internationale Zusammenarbeit auszuweiten

Andrzej: Nicht nur die Möglichkeit, sondern die Notwendigkeit! Wir müssen uns darüber bewusst sein, dass wir es mit einem internationalen Konzern zu tun haben. Affären wie „Dieselgate“ haben unmittelbaren Einfluss auf die Situation der Arbeiter in allen Ländern, in denen VW-Fahrzeuge hergestellt werden. Deshalb müssen wir zusammenarbeiten. Diese Geschichten betreffen uns alle.

Sebastian: Übrigens wurde keiner der VW-Chefs für diese Affäre groß zur Verantwortung gezogen. Bei einem einfachen Arbeiter sähe die Sache anders aus. Ein einfacher Arbeiter kann schon für gemäßigte Kritik, für den Versuch, eine neue Gewerkschaft zu gründen, rausfliegen – wie man an uns beiden sieht.