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Amazon: Niemand will ein Rädchen im Getriebe sein

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Wer bei Amazon arbeitet, ist ständig weitreichender Kontrolle ausgesetzt. Jede Minute, in der du keine Arbeit für das Computersystem sichtbare Arbeit leistest, wird aufgerechnet.

Mikolaj Iwański: Bald ist es drei Jahre her, seit Amazon sein Logistikzentrum in Sady bei Poznan in Betrieb genommen hat. Seit Anfang an gibt es dort eine Kommission [Betriebsgruppe] der Inicjatywa Pracownicza [IP, Arbeiterinitiative]. Zuletzt war in den Medien viel über die Aktion „Safe Package“ zu hören, die ihr im Zusammenhang mit den Sommer-Werbekampagnen organisiert habt. Worum ging es da?

Magda, Inicjatywa Pracownicza: Im Juli findet bei Amazon eine Werbekampagne namens „Prime Day“ statt – das ist nach Weihnachten die zweitintensivste Zeit. Wir haben eine an die Beschäftigten gerichtete Informationskampagne gestartet, um darauf hinzuweisen, dass man in dieser schwierigen Zeit nicht dem Druck des Arbeitgebers nachgeben, sondern in erster Linie an seine eigene Gesundheit und die Arbeitssicherheitsvorschriften denken sollte. Wir haben auch eine Pressekonferenz abgehalten, um über die Arbeitsbedingungen bei Amazon zu informieren. Aktuell läuft wieder eine Riesenwerbekampagne – Plakatwände usw. -, weil wieder Unmengen von Arbeiter_innen gesucht werden. Da hatten wir das Gefühl, dass wir erzählen müssen, wie die Arbeitsbedingungen bei Amazon aus der Perspektive der Arbeiter_innen aussehen.

Verstöße gegen Arbeitssicherheitsvorschriften sind nicht das einzige Problem, das Neueinstellte haben, oder?

Ihr Hauptproblem ist, dass sie über Leiharbeitsfirmen eingestellt werden. Wenn sie die von Amazon aufgestellten Normen nicht schaffen, kann man sie sehr leicht loswerden. In der Praxis bedeutet dies, dass man zum Beispiel nach einer Krankschreibung keine Chance auf Vertragsverlängerung hat. Wir haben keine genauen Daten über die Fluktuation, aber ich arbeite seit zwei Jahren bei Amazon und von den Hunderten von Leuten, die mit mir zusammen angefangen haben, sehe ich im Betrieb noch drei. Auch die Bedingungen für eine Übernahme haben sich geändert: Nach einer dreimonatigen Probezeit bekommt man einen auf ein Jahr befristeten Vertrag und erst danach einen unbefristeten Vertrag. Die Zeit, die man braucht, um einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten, verlängert sich damit auf etwa zwei Jahre. Gleichzeitig zeigen Statistiken, die gewerkschaftliche Aktivist_innen aus Deutschland erstellt haben, dass die Leute durchschnittlich drei Jahre lang bei Amazon arbeiten.

2015 hattet ihr eine Tarifauseinandersetzung mit dem Management von Amazon. Ihr habt damals u.a. langfristigere Schichtplanungen, Zulagen nach Betriebszugehörigkeit, Lohnerhöhungen und Änderungen der Pausenregelungen gefordert. Die Schlichtung wurde vom Arbeitgeber abgebrochen. Haben eure Aktivitäten irgendwelche langfristigen Wirkungen gezeigt?

Das stimmt, nach schwierigen Verhandlungen, bei denen alle unsere Forderungen abgelehnt wurden, hat das Management von Amazon die rechtlich vorgeschriebene Etappe der Schlichtung abgebrochen, damit wir keinen Warnstreik durchführen konnten – das hat auch funktioniert. 2016 fand eine Streikurabstimmung statt, an der 2.000 Arbeiter_innen teilnahmen, d.h. ca. 30 Prozent aller Beschäftigten. 98% von ihnen stimmten für Streik, aber das hat nicht gereicht. Das polnische Recht legt die Latte so hoch, dass es fast unmöglich ist, einen legalen Streiks zu organisieren. In Deutschland z. B. werden Streikurabstimmungen nur unter den Gewerkschaftsmitgliedern durchgeführt. In Italien und in vielen anderen Ländern wird das Streikrecht durch die Verfassung garantiert. Wenn Arbeiter_innen streiken müssen, gehen sie einfach raus und tun das. In Polen muss man erst mal Verhandlungen, Schlichtungen, Urabstimmungen durchführen, und erst wenn man alle gesetzlichen Formalitäten und Fristen eingehalten hat, kann überhaupt an einen Streik denken. Manchmal vergehen Monate, bevor es zur nächsten Etappe weitergeht, währenddessen ändert sich die Situation im Betrieb und die Arbeiter_innen sind von der Tarifauseinandersetzung ausgebrannt. Dies ist ein breiteres Problem: Im Jahr 2016 gab es im ganzen Land 5 legale Streiks! So war es auch in vielen Jahren davor, obwohl die Situation auf dem lokalen Arbeitsmarkt nicht gerade toll war. Erst in diesem Jahr beginnen sich die Statistiken zu ändern. Allein in der ersten Hälfte des Jahres wurden 1.500 Streiks registriert, wahrscheinlich fand ein Gutteil davon in den Schulen statt. Zur Zunahme der Proteste hat vielleicht auch der Rückgang der Arbeitslosigkeit beibetragen: Die Arbeiter_innen fühlen sich selbstbewusster und sind bereit, für ihre Rechte zu kämpfen.

Trotzdem hat das Unternehmen kurz darauf eine Betriebszugehörigkeitszulage eingeführt und mehr Arbeiter festeingestellt – leider wird in letzter Zeit wieder hauptsächlich mit prekären Müllverträgen eingestellt. 2016 gab es auch einen anständigen Weihnachtsbonus. Ursache waren u.a. die laufende Tarifauseinandersetzung und Aufmerksamkeit für gewerkschaftliche Aktionen. Das Referendum hat trotz allem gezeigt, dass 2.000 Menschen entschlossen sind, für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Das konnte Amazon nicht gleichgültig sein.

Also kann man trotz fehlender effektiver rechtlicher Mittel den Arbeitgeber unter Druck setzen und die Arbeitsbedingungen verbessern?

Seit 2015 organisieren wir internationale Treffen von Amazon-Arbeiter_innen. Das erste fand in Poznan statt. Anfangs haben sich Amazon-Arbeiter_innen aus Polen und Deutschland und organisierte externe Amazon-Unterstützungsgruppen aus Deutschland beteiligt. Im Laufe der Zeit sind französische Arbeiter_innen dazugekommen und wir sind auch dabei, Kontakte mit Beschäftigten in Spanien herzustellen. Wir haben Kontakt zu Arbeiter_innen in der Logistikbranche in Italien, wo regelmäßig Protestaktionen laufen. Die meisten Beschäftigten dieser Branche in Italien sind Immigrant_innen aus Nordafrika und dem Balkan – ihre Erfahrungen sind für uns besonders wertvoll, da sie die Spaltungen unter den Arbeiter_innen durchbrechen und mit einer Vernetzungsstrategie stabilere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne erzielen konnten.

Durch diese internationalen Treffen konnten wir – teilweise krasse – Unterschiede bei ein und demselben Arbeitgeber in verschiedenen Ländern feststellen. Amazon operiert immer auf dem Niveau von Mindeststandards, die das lokale Arbeitsrecht und der Markt vorgeben. Die Koordination hilft uns beim Informationsfluss und bei der Planung von gemeinsamen Aktionen – zum Beispiel 2015, als bei Amazon in Deutschland gestreikt wurde und ein großer Teil des Volumens nach Polen verschoben wurde. Die polnischen Arbeiter haben spontan langsam gearbeitet, was der erste Akt internationaler Solidarität war. Auch die schon erwähnte Aktion „Safe Package“ war breiter angelegt – sie wurde auch in Leipzig und in Saran bei Paris durchgeführt. Die Erfahrung vieler Jahre in der Zentren von Amazon in Europa zeigt, dass bei wirksamen Aktionen mehr als ein Zentrum einbezogen werden muss – nur dann können Aktionen wie langsam Arbeiten nicht leicht durch die Verlagerung von Bestellungen zu anderen Zentren abgefedert werden.

Im Logistikbereich scheint es besonders schwierig zu sein, Arbeiter_innen zu organisieren.

Es ist nicht schwieriger als irgendwo anders. Und die Erfahrung in Italien zeigt, dass es möglich ist, sich effektiv zu organisieren – schließlich haben wir es mit einer Konzentration von Arbeiter_innen in relativ kleinen Räumen zu tun. Der Schlüssel ist, sehr genau die gesamte Lieferkette nachzuvollziehen – außer den Lagerzentren haben wir auch den Transport einschließlich Schiffs- und Bahntransport und Produktionsbetriebe. Ein Teil der Arbeit muss an einem konkreten Ort geleistet werden und lässt sich nicht leicht auf einen anderen Kontinent verlagern – letztlich ist die Logistik eine Dienstleistung für einen ganz konkreten Kunden. Darüber hinaus hat die Arbeit in dieser Branche oft prekären Charakter und wird von Menschen geleistet, die keine Qualifikation brauchen und sehr schlecht bezahlt werden. All das eröffnet den Blick auf eine ganz andere Strategie von Arbeiter_innenkämpfen als bisher.

Neulich beim G20-Gipfel in Hamburg wurde effektiv die Zufahrt zum riesigen Hamburger Hafen blockiert, was zu stundenlangen Staus und Verzögerungen beim Be- und Entladen von LKWs führte. Das war mehr als eine symbolische Geste und zeigte, dass es weiterhin möglich ist, die kapitalistische Logik durch organisierten Widerstand zu stören. Der Logistikbereich konzentriert einerseits eine Masse von Arbeiter_innen und hat auf der anderen Seite viele empfindliche Punkte, die diesen Arbeiter_innen Macht geben. Es ist zu erwarten, dass die Arbeiterkämpfe in dieser Branche noch Fahrt aufnehmen werden.

Sagen die Standards bei Amazon etwas über die Zukunft des polnischen Arbeitsmarktes?

Amazon setzt in erster Linie auf die Ausweitung seines Geschäfts und großen Reklamehype, der die Firma als tollen Arbeitgeber präsentieren soll. Gleichzeitig bieten viele andere große Betriebe aber deutlich bessere Arbeitsbedingungen. Was Amazon wirklich von anderen unterscheidet, ist vor allem das Expansionstempo. Demnächst werden zwei weitere Zentren eröffnet – und das ist keine Verlagerung weg aus Westeuropa, sondern ein Ergebnis der Ausweitung des Marktes. Die Arbeitsbeziehungen selbst sind radikal der Effizienzlogik untergeordnet, im Geiste eines extrem strengen Taylorismus. Interessanterweise hat die Logistikbranche viel mit dem Militärkomplex zu tun. Amazon in den USA stellt sehr gern ehemalige Offiziere als Manager und normale Veteranen als Vorarbeiter ein, die sich in Afghanistan oder im Irak verdient gemacht haben. Die Arbeit bei Amazon ist eine tägliche Erfahrung weitreichender Kontrolle; wenn du länger als drei Minuten keine für das Computersystem sichtbare Arbeit leistest, z.B. weil sich ein Bandförderer verklemmt hat, wird das registriert und aufgerechnet. Jede derartige Ausfallzeit kann als zusätzliche Pause und Verstoß gegen die Arbeitsvorschriften gewertet werden. Das ist ein enormer Druck, denn selbst der höchstmotivierte Arbeiter ist ein Mensch und kein Roboter.

Gehorchen die Arbeiter_innen?

Natürlich nicht. Jeden Tag leisten sie Widerstand. Niemand will als Rädchen im Getriebe behandelt werden. Das sind einfache Akte des Ungehorsams – früher in die Pause gehen, langsamer arbeiten, einen Teil der Aufgaben liegen lassen, Lücken im System ausnutzen, Entscheidungen und Empfehlungen von Vorgesetzten hinterfragen, regelmäßig aufs Klo gehen, was in vielen Abteilungen ein Grund für Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten ist. Scheinbar ist das nichts, aber auf diese Weise kämpfen die Arbeiter_innen für ihre Subjektivität und leisten Widerstand dagegen, ihr Leben vollkommen der Arbeit unterzuordnen.

Amazon versucht auch, die Arbeiter_innen von Krankschreibungen abzuhalten.

Ja, Amazon würde gern weit über den Arbeitsplatz hinaus Kontrolle ausüben. Anfang des Jahres wurde Arbeiter_innen in Deutschland ein Anwesenheitsbonus in Aussicht gestellt, wenn in ihrem Team niemand krank würde. Sie sollten gegenseitig Druck aufeinander ausüben, nicht krank zu machen. Zur gleichen Zeit beauftragte Amazon Polen eine externe Firma damit, krankgeschriebene Arbeiter_innen zu Hause zu kontrollieren. Bei diesen Hausbesuchen werden sie nicht immer hereingelassen. Bei der Gelegenheit füllen die Beschäftigten gleich einen Fragebogen zu ihrer Meinung über die Situation im Betrieb aus. Die Firma gibt offiziell zu, Nachbarn der Kranken zu besuchen, ebenso Ärzte, die Krankenscheine ausstellen, was diese in Zukunft davon abhalten könnte, unsere Kollegen krank zu schreiben. Wir haben Zweifel, ob es juristisch überhaupt zulässig ist, unsere sensiblen personenbezogenen Daten einer externen Firma zu überlassen. Amazon will damit die Arbeiter_innen einschüchtern, damit sie nicht der Arbeit fernbleiben. Wer sich krank schreiben lässt, wird ganz einfach als Betrüger bezeichnet. Dazu kommt eine unzureichende Menge an Urlaub und Pausen und niedrige Löhne, die nicht immer reichen, um sich Dienstleistungen wie Kinderbetreuung, fertiges Essen, Wäsche oder Autoreparaturen zu leisten.

Amazon steht sehr im Blickfeld. Wenige Arbeitgeber sind dermaßen ein Objekt des Medieninteresses. Das liegt an der Arbeit eurer Kommission [Betriebsgruppe].

Amazon hat schon großes Interesse geweckt, bevor es überhaupt in Polen den Betrieb aufgenommen hat. Dass wir es geschafft haben, eine gut funktionierende, einigermaßen große Kommission in Sady bei Poznan auzubauen, ist ein Signal für Arbeiter_innen aus anderen Branchen. Amazon macht dickes Geld, indem es den in Polen immer noch geltenden neoliberalen Standard und die vom größten Teil der polnischen Eliten verwendete neoliberale Sprache ausnutzt. Gewerkschaften behandelt es prinzipiell nicht als Gesprächspartner zum Thema Lohn- und Beschäftigungsbedingungen, lieber redet es direkt mit den Arbeiter_innen ohne Vermittler. Unsere Löhne werden letztlich festgelegt auf Grundlage der Löhne in den umliegenden Betrieben und der ganzen Branche. In anderen Unternehmen ist es im übrigen ähnlich.

Der Durchschnittslohn bei Amazon liegt bei ca. 2.000 Zloty brutto, d.h. ganz leicht über dem landesweiten Mindestlohn. Bei der Auszahlung der Löhne kommt es ständig zu Unregelmäßigkeiten und Fehlern, es wird zu wenig gezahlt und erst nach Beschwerden die Differenz ausgeglichen. Der Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne in Unternehmen wie Amazon hat Einfluss auf die Lage von anderen Arbeiter_innen und allgemeine Standards. Deshalb müssen wir uns gegenseitig unterstützen. Nur so können wir die Spirale von niedrigen Löhne und Nichteinhaltung des Achtstundentags dauerhaft stoppen. Keine Regelung von oben auf politischer Ebene sorgt für dauerhafte Veränderungen.

 

Interview von Mikołaj Iwański, zuerst erschienen auf der Website von Krytyka Polityczna, 24. August  2017 (http://krytykapolityczna.pl/kraj/amazon-nikt-nie-chce-byc-trybem-w-maszynie)