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„Organisiert Euch selbst!“ Ein Interview mit Vertreter*innen der polnischen Basisgewerkschaft Inicjatywa Pracownicza

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„Organisiert Euch selbst!“ Ein Interview mit Vertreter*innen der polnischen Basisgewerkschaft Inicjatywa Pracownicza

Das folgende Interview führte das Streiksolibündnis Leipzig Ende August mit Vertreter*innen der polnischen Basisgewerkschaft IP (Inicjatywa Pracownicza), in der sich Arbeiter*innen am Amazon-Standort Poznan gegen die alltäglichen Zumu- tungen im Fulfillment-Center (Warenlager) organisieren. Wir sprachen über die lokale Gewerkschaftsarbeit und die Bedeutung grenzüber- schreitender Solidarität. Die hier abgedruckten Fragen und Antworten sind ein Auszug aus einem längeren Interview. Es wurde per Mail und im Original auf Englisch geführt. Das Interview wurde ursprünglich für eine Betriebszeitung in Leipzig hergestellt.

Beschreibt den Leser*innen einmal die Situation in eurem Fulfillment-Center und eure gewerkschaftlichen Ziele?

Bei Amazon sind die Lohnunterschiede zwischen den einfachen Arbeiter*innen, den Manager*innen und den Chefs so groß, dass Konflikte um Löhne unausweichlich sind. Im Sommer spitzten sich die Konflikte weiter zu, weil dann immer die Entscheidung hinsichtlich der Lohnerhöhungen getroffen wird. In Polen überprüft Amazon die Löhne jährlich. Das Unternehmen trifft die Entscheidung über Lohnerhöhungen anhand der Löhne, die in anderen Warenlagern und in anderen Branchen gezahlt werden und setzt sie in Beziehung zur Lage auf dem lokalen Arbeitsmarkt. Leider zählen für Amazon bei der Überprüfung der Löhne nicht die Profite, die die Arbeiter*innen erwirtschaften, stattdessen liegt die Perspektive darauf, so billige Arbeitskräfte wie möglich zu finden — was letztlich nur dazu führt, dass die Ungleichheiten fortbestehen!

Im Zusammenhang mit dieser Überprüfung der Löhne haben wie der Leitung des Warenlagers eine Liste mit Forderungen überreicht, die auf den Ergebnissen einer eigenen Befragung am Arbeitsplatz basierte. Bei dieser Befragung ergaben sich folgende Forderungen: Erhöhung des Grundgehaltes um 30%, Einführung eines 13ten Monatsgehaltes, Einführung eines Betriebszugehörigkeitsbonus und Einführung eines Urlaubsgeldes.

Allerdings sind die Löhne nicht der einzige Grund für Konflikte zwischen den Arbeiter*innen und den Bossen. Amazon versucht nach wie vor, sein Modell der Kontrolle und der Disziplinierung der Arbeiter*innen zu verbessern. Dabei ist das Ziel, aus den Arbeiter*innen so viel Arbeitsleistung wie möglich heraus zu pressen und dabei die Kosten so gering wie möglich zu halten. Im April stellte das Unternehmen in Polen ein neues Programm vor: „Hausbesuche“. Hierbei ist das Ziel, die Arbeiter*innen an Krankheitstagen zu überwachen. Dies dient der Abschreckung der Arbeiter*innen, damit diese nicht auf die Idee kommen, aus ihrer Krankheit einen „Vorteil zu ziehen“, und das, obwohl sich die Gesundheit der Arbeiter*innen ständig verschlechtert. Doch damit nicht genug, es gab in mehreren Abteilungen Versuche, die Überwachung der Arbeit auszudehnen, indem die Toiletten- und Essenspausen kontrolliert wurden. Das Unternehmen geht auch hart gegen die sogenannten „times of task“ vor. Das sind Zeitintervalle, wenn die Arbeiter*innen gerade nicht mit Funktionen beschäftigt sind, die durch das Computersystem überwacht werden — bspw. das Scannen von Produkten. Alle 3 Minuten wird ein „time of task“ im System registriert, das heißt, sie wird als Extra-Pause gezählt und interpretiert, was wiederum ein Verstoß gegen die Arbeitsregeln bedeutet. Unsere Gewerkschaft will diese Probleme auf die Tagesordnung setzen und die Arbeiter*innen in die Lage versetzen, sich dagegen zu wehren!

Welche Rolle spielt in eurem Arbeitskampf die internationale Vernetzung? Welche Perspektiven seht ihr darin?

Weltweit arbeiten bei Amazon ungefähr 400.000 Arbeiter*innen in mehreren 100 Warenhäusern. Jedes Jahr wächst die Zahl der Arbeiter*innen um mehrere 10.000. Die meisten sind einfache Arbeiter*innen. Wir leben alle in unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Gesetzen. Wir sprechen verschiedene Sprachen. Wir unterscheiden uns nach Hautfarbe, der gesellschaftlichen Stellung und dem Lebensstandard. Trotz dieser Unterschiede haben wir miteinander mehr gemeinsam als mit unseren Bossen. Viele von uns hoffen, dass die Selbstunterwerfung unter diese Arbeitsverhältnisse, das Unterstützen der Vorgesetzten anstatt der Solidarität mit den anderen Arbeiter*innen, zu einer Beförderung führen wird. Leider werden nur die wenigsten Arbeiter*innen befördert und die Beförderungen bringen kontroverse Verantwortlichkeiten mit sich, wie die Disziplinierung der ehemaligen Kolleg*innen. Anstatt unsere Einheit zu zerbrechen, indem wir nach höchst unsicherem persönlichem Erfolg streben, können wir versuchen, für uns alle die Arbeitsbedingungen und die Löhne zu verbessern. Wir haben dieselben Arbeitsbedingungen, spielen dieselbe Rolle in den Warenlagern und haben dieselben Wünsche: Würde und Selbstbestimmung.

Wir müssen mit der Vorstellung aufräumen, dass die Arbeiter*innen aus verschiedenen Ländern Konkurrent*innen sind: es ist dasselbe Unternehmen, das uns auf internationaler Ebene ausbeutet. Aber am Beispiel von Amazon sehen wir, dass diese internationale Zusammenarbeit nicht nur eine moralische Pflicht oder politische Idee ist: Es ist eine sehr praktische Angelegenheit. Wir müssen lernen, dass Amazon über die staatlichen Grenzen hinweg sehr gut organisatorisch verbunden ist. Amazon kann Bestellungen leicht verschieben und einen Streik in einem Land dadurch schwächen, dass die Bestellungen zu Warenlagern im Ausland gesendet werden. Wir sagen unseren Kolleg*innen in polnischen Warenlagern immer wieder: Wir müssen alles dafür tun, um keine Streikbrecher gegenüber den deutschen Kolleg*innen zu werden, wenn sie streiken! Auch wenn es für uns nicht einfach ist einen Streik zu organisieren und dadurch den Warenfluss zu stoppen, gibt es doch viele Wege, mit denen die Arbeiter*innen Einfluss auf den Streikerfolg haben und Solidarität zeigen können.

Was können wir in Deutschland tun, um euren Arbeitskampf zu unterstützen?

Organisiert Euch selbst! Wir müssen uns im Kampf gegen die ständige Kontrolle, gegen die Behandlung als bloßes Anhängsel der Maschine, für höhere Löhne und sicherere Arbeitsbedingungen zusammenschließen! Nur wenn wir die staatlichen Grenzen überwinden, werden wir irgendwann in der Lage sein, dauerhaft unsere Lebensqualität zu verbessern. Wir sind sehr an ständigem Informationsaustausch, gegenseitigen Besuch bei Streiks und sonstigen Aktionen interessiert — lasst uns von Euren Erfahrungen wissen und ladet uns ein. Momentan versuchen wir, uns international zu organisieren, deswegen sind wir darüber glücklich, zusammen mit anderen die internationalen Amazon-Arbeiter*innen-Treffen zu organisieren — es wäre toll, wenn das Netzwerk wachsen könnte. Was wir brauchen, ist Beteiligung von allen Seiten. Im Moment gibt es einen mehr oder weniger regelmäßigen Austausch zwischen deutschen, französischen und polnischen Arbeiter*innen. Es wäre großartig, wenn außerdem noch Leute aus Tschechien, Spanien und Italien dabei wären. Wir müssen uns alle anstrengen, um diese Beziehungen aufzubauen. Konkret heißt das: Wir brauchen regelmäßigere Informationen aus Deutschland, Hilfe bei Übersetzungen usw.

„Wir müssen uns im Kampf gegen die ständige Kontrolle, gegen die Behandlung als bloßes Anhängsel der Maschine, für höhere Löhne und sicherere Arbeitsbedingungen zusammenschließen! Nur wenn wir die staatlichen Grenzen überwinden, werden wir irgendwann in der Lage sein, dauerhaft unsere Lebensqualität zu verbessern.“

source: Make Amazon Pay brochure
PDF: https://makeamazonpay.org/wp-content/uploads/2017/10/makeamazonpayBroschuere.pdf

https://makeamazonpay.org/